Siebenmal hinfallen, achtmal aufstehen

TL;DR: Manchmal muss man liegen bleiben, aushalten und heilen. Aber wenn ein kleiner Schritt wieder möglich wird, kann beinahe jede Bewegung neue Erfahrungen und Möglichkeiten schaffen.
Achtmal?
Die japanische Redewendung 七転び八起き – nana korobi ya oki bedeutet wörtlich: siebenmal hinfallen, achtmal aufstehen. Gemeint ist, sich von wiederholten Rückschlägen nicht entmutigen zu lassen. Die Zahlen stehen dabei weniger für eine genaue Zählung als für das wiederkehrende Auf und Ab des Lebens.
Rein rechnerisch wirkt der Satz trotzdem ein wenig verdächtig. Wenn ich siebenmal falle, warum muss ich dann achtmal aufstehen?
Vielleicht gefällt er mir gerade deshalb. Er sagt nicht: einmal hinfallen, einmal aufstehen und danach ist die Sache erledigt. Er verspricht keinen endgültigen Sieg über Schwierigkeiten. Der nächste Rückschlag ist bereits mitgedacht.
Ich kenne solche Rückschläge. Depression und Burnout waren über lange Zeit Teil meines Lebens. Solche Phasen können lähmen. Manchmal gab es Rückhalt aus meinem Umfeld, manchmal weniger. Im beruflichen Kontext kamen Verstecken, Verstellen und der Versuch hinzu, weiterhin zu funktionieren.
Die Frage war dabei oft nicht, wie ich ein bestimmtes Problem vollständig lösen kann. Sie war viel kleiner: Bleibe ich liegen oder mache ich irgendetwas?
Manchmal wächst das Gras nur von allein
„Aufstehen“ darf nicht bedeuten, dass jeder Mensch jederzeit nur mehr Willenskraft oder Einsatz bräuchte. Es gibt Situationen, in denen man nichts tun kann. Nach Verletzungen, Operationen, während einer Krankheit oder in schweren mentalen Phasen bleibt manchmal nur, auszuhalten und die notwendige Zeit vergehen zu lassen.
Diesen Spruch kenne ich von einem Kühlschrankmagneten: Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht. Eigentlich finde ich ihn total blöd.
Leider macht ihn das nicht automatisch falsch. An diesem Bild ist viel Wahres. Mehr Einsatz verändert nicht automatisch eine Situation. Er kann sogar zusätzliche Kraft kosten, die gerade für etwas anderes gebraucht wird. Ruhe ist dann kein Liegenbleiben aus Bequemlichkeit. Sie ist Teil dessen, was im Moment möglich und notwendig ist.
Die schwierige Frage lautet deshalb nicht: Warum stehst du nicht endlich auf?
Sie lautet: Wann ist Ruhe noch Aushalten und Heilen – und wann wird aus ihr ein Stillstand, der nicht mehr guttut?
Für diesen Übergang gibt es keinen allgemeingültigen Zeitplan. Ihn zu erkennen, ist eine kleine Kunst.
Wenn der Stillstand selbst unangenehm wird
Bei mir kündigt sich der Moment häufig durch wachsende Unzufriedenheit an. Irgendwann nervt mich der Zustand des Aushaltens. Der Stillstand erzeugt seinen eigenen Leidensdruck und ich beginne, nach einem Ventil zu suchen.
Dieses Ventil muss nichts Weltbewegendes sein.
Es kann der Entschluss sein, jeden Tag ein wenig spazieren zu gehen. Ein paar Sportübungen zu machen. Ein Buch konsequent weiterzulesen. Manchmal reicht sogar eine Serie oder ein Film, auf den ich mich bewusst einlasse.
Von außen betrachtet löst nichts davon das eigentliche Problem. Trotzdem verändert sich etwas. Jeden Tag ein paar Übungen zu machen, hinterlässt Spuren. Ein Buch weiterzulesen, weckt Interesse und Vorfreude auf die nächsten Seiten. Beim Spaziergang lässt sich selbst auf derselben Strecke beobachten, dass die Welt heute nicht genauso aussieht wie gestern.
Und dann ist da dieses kleine, aber wichtige Gefühl: Ich habe etwas geschafft.
Nicht jedes Problem muss direkt angegriffen werden
In schwierigen Phasen wird der Blick leicht vollständig problembezogen. Alles kreist um die Frage, wie genau dieses eine Problem verändert werden kann. Wenn das gerade nicht möglich ist, scheint es schnell so, als ließe sich überhaupt nichts verändern.
Aber eine gute Erfahrung muss nicht unmittelbar mit dem Problem verbunden sein, um eine Wirkung zu haben.
Ich kann an einer ganz anderen Stelle Interesse, Freude, Verbindung oder Selbstwirksamkeit erleben. Wenn ich mein Leben damit anreichere, verändert sich meine Haltung zum eigentlichen Problem. Vielleicht bleibt es bestehen. Vielleicht wird es aber ein wenig kleiner, weil es nicht mehr den gesamten Raum einnimmt.
Aufstehen bedeutet für mich deshalb nicht zwingend, den Rückschlag frontal zu bekämpfen. Es kann auch heißen, an einer anderen Stelle wieder eine Verbindung zum Leben aufzunehmen.
Handeln öffnet Möglichkeiten
Bei mir sind es häufig Geschäfts- oder Produktideen, denen ich beginne nachzugehen. Eine Idee bringt mich dazu, etwas zu recherchieren, auszuprobieren oder zu bauen. Vor allem zwingt sie mich auf eine gute Weise dazu, mich wieder zu exponieren.
Ich betrete eine Bühne, spreche über die Idee und komme mit Menschen in Kontakt. Viele dieser Begegnungen hinterlassen etwas Gutes. Nicht jede Idee wird zu einem Produkt und nicht jedes Gespräch führt zu einem sichtbaren Ergebnis. Aber manchmal entsteht aus der Bewegung eine Möglichkeit, die vorher nicht planbar war.
Das ist kein Versprechen, dass Aktivität immer belohnt wird. Handeln garantiert keine Veränderung. Es schafft aber Möglichkeiten, die im Stillstand kaum entstehen können.
Nichts zu tun kann notwendig sein. Es ändert nur auf Dauer sehr selten etwas.
Aufstehen ist keine Erfolgsgeschichte
„Siebenmal hinfallen, achtmal aufstehen“ klingt leicht wie eine klassische Durchhalteparole. Als müsste man nur oft genug kämpfen, um irgendwann unangreifbar zu werden.
So verstehe ich den Satz nicht.
Für mich steht die Akzeptanz im Vordergrund. Die Gewissheit, noch einmal hinzufallen, ist bereits da. Leider – und manchmal denke ich: zum Glück. Denn neue Probleme, neue Fragen und neue Richtungen machen das Leben auch interessant.
Aufstehen bedeutet dann nicht, dass der Rückschlag besiegt und für immer erledigt ist. Es bedeutet, das Leben mit seinen Unterbrechungen weiterzuleben. Mal besteht der nächste Schritt aus einer neuen Idee, mal aus einem Gespräch und mal nur aus einem Spaziergang auf dem gleichen Weg wie gestern.
Kampfgeist und Versöhnlichkeit widersprechen sich dabei nicht. Ich kann akzeptieren, dass ich gefallen bin, ohne den Boden zu meinem dauerhaften Aufenthaltsort zu erklären.
Vielleicht ist das die merkwürdige Logik hinter dem achten Aufstehen: Es geht nicht darum, korrekt mitzuzählen. Es geht darum, grundsätzlich noch eines übrig zu haben.
Man wird nur einmal nicht mehr aufstehen. Und das ist ganz am Schluss.
